"Unser tägliches Brot" Mt 6, 11

3. Juli 2016

 

 

Liebe Gemeinde! Wenn Jesus in Thailand oder in Viet­nam aufgewachsen wäre, dann hätte er vielleicht so gebetet: „Un­ser Vater im Himmel, gib uns heute unseren täglichen Reis.“ Je­sus war aber ein Jude aus dem Nahen Osten, und darum spricht er vom Brot, nicht vom Reis: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Auch wir leben vom Brot, die andere Hälfte der Menschheit hingegen vom Reis. Die Unterschiede zwischen unserer Kultur und denen in Südostasien greifen aber noch tiefer. Viele dieser Menschen, die vom Reis leben, leben gerade an der Existenzgrenze, während wir nicht nur unser tägliches Brot haben, sondern im Vergleich zu denen einen unerhörten Luxus genießen. Für uns ist Brot eher mit Genießen als mit Not verbunden. Für andere ist Reis eine Lebensnotwendigkeit. Man sagt, dass das Leben eines von zwei Men­schen auf der Erde von einer Schale Reis abhängt. Das stimmt einen nachdenklich. Warum haben wir so viel und andere so wenig? Sind wir einfach fleißiger? oder intelligenter? Hat Gott uns in besonderer Weise gesegnet? Und wenn ja, warum? Vielleicht verbindet sich mit unserem Überfluss ein göttlicher Auftrag. Vielleicht sind wir in der Tat zu Wegbereitern des Reiches Gottes berufen. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, häufen sich die Fragen: Können wir uns von unserem Be­dürfnis nach Luxus befreien? Können wir beim Konsum etwas bescheidener werden? Können wir lernen, Freude am Verteilen zu haben?  Kurzum: Können wir lernen, unser wohlverdientes Brot anders zu verstehen?

 

Die Grundeinstellung der Bibel zum Brot meldet sich in diesem Satz des Va­terunsers: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Bereits die Tat­sache, dass dieser Satz in der Bittform steht, eröffnet uns ganz neue Perspektiven. In dieser Bitte wird der Beter dessen gewahr, dass er selbst nicht letztlich der Hersteller des Brotes ist: „Unser tägliches Brot gib uns heute!“ Da verwandelt sich im Gebet der Hersteller des Bro­tes in den Empfänger des Brots. Das macht einen wieder nachdenklich! Denn es widerspiegelt sich in dieser Bitte die Tatsache, dass das tägliche Brot auf dem Tisch eine Gabe des himmlischen Vaters ist. Abgesehen von allen zwar anerkennenswerten Leistungen des Menschen, ungeachtet der vielen mühsamen Ar­beitsstunden des Alltags richtet Jesus unseren Blick auf das tägli­che Brot als ein Geschenk Gottes.

An keiner anderen Stelle des Vaterunsers bricht das Wort Gottes so eindeutig in unseren All­tag herein. Selbst wenn man sich in religiösen Angelegenheiten auf Gott angewiesen fühlt, meint man in der Regel, sein eigenes Brot verdienen zu können. Diese Bitte des Vaterunsers führt uns aber tief unter die Oberfläche des Alltags in einen Bereich, wo die Begriffe „Arbeit“ und „Verdienst“ weitgehend an Bedeutung ver­lieren, wo gleichsam andere Spielregeln gelten, wo das Geben und das Empfangen grundlegend sind. „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Diese Bitte zeugt von der Bewegung des Beters weg vom Selbstversor­ger zum Empfänger des Brotes. Wo aber ein Empfänger ist, da ist auch ein Geber. Und wer sich in der Rolle des Empfängers befindet, der kann sich auch in der Rolle des Gebers vorstellen. Die Wechselbeziehung von Geben und Empfangen macht uns allen zu Gebern und Empfängern zugleich, Empfänger in Beziehung zu Gott und Geber in Beziehung zu unserem Nächsten. Anders gesagt: der Mensch kann sein tägliches Brot von Gott nicht empfangen, ohne dass er zugleich sich selbst als Geber angesichts einer notleidenden Welt versteht. Durch die 4. Bitte des Vaterunsers bekennen wir uns zum Reich Gottes, zu dem Bereich, in dem die Wechselbeziehung von Geben und Empfangen den Lebensraum gestaltet. In diesem Reich sind wir Christen Emp­fänger und Geber zugleich, Empfänger von Gott, Geber an un­sere Mitmenschen.

 

Was unsere Gesellschaft betrifft, kann man sich des Eindrucks kaum erwehren, dass unser Bedürfnis nach Ge­nuss übertrieben ist und dass dieses Bedürfnis daher rührt, dass wir unser tägliches Brot nicht mehr als ein Geschenk Gottes verstehen. Wenn wir aber das Brot auf dem Tisch wieder als eine Gabe unseres himmlischen Vaters erkennen würden, würde diese Erkenntnis uns von dem übertriebenen Bedürfnis nach Genuss befreien. Am Anfang der Predigt stellte sich die Frage, ob wir uns von unserem Be­dürfnis nach Luxus befreien könnten. Nun haben wir die Antwort: Ja, das können wir, aber nur indem wir in den Bereich des Empfangens und Gebens eintreten. Unser tägliches Brot, ja unser ganzes Hab und Gut als ein Geschenk Gottes zu verstehen ist wirklich befreiend. Es befreit uns von dem Drang nach Überfluss, es befreit uns von dem Gefühl, alles verdienen zu müssen, und es erregt in uns eine Dankbarkeit, die immer wieder bereit ist, das, was wir haben, mit anderen zu teilen.

 

Wie steht es nun aber mit unserer Arbeit? Haben wir nicht die banale, aber grundlegende Tatsache übersehen, dass der Mensch arbeiten muss? Man muss sein tägliches Brot verdienen! Daran besteht kein Zweifel. Auch Paulus hatte mahnend an seine Gemeinde ge­schrieben: „Wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen“. Also würde man die 4. Bitte des Vaterunsers vollends missverstehen, wollte man daraus den Schluss ziehen, der Christ müsse nicht mehr arbeiten und müsse sein Brot nicht mehr verdienen. Es handelt sich hier nicht um Arbeiten oder Nichtarbeiten, sondern um eine Grundeinstellung zum Brot, nämlich ob dieses als ein Ge­schenk Gottes wahrgenommen wird. Nimmt man im Glauben das Brot als ein Geschenk Gottes wahr, dann wird man auf ganz andere Weise arbeiten als je zuvor. Man wird nicht mehr arbeiten, damit man im übertriebenen Luxus leben kann. Vielmehr wird man arbeiten, um den Auftrag Gottes zu erfüllen und ihm für das tägliche Brot zu danken.

 

Liebe Gemeinde! Es ist nicht gleichgültig, wie man an die Arbeit geht, d. h. ob man genuss­süchtig und geldgierig an die Arbeit geht oder besinnend und dankend. Geldgier führt zur Ausnutzung der Naturschätze, Dankbarkeit hingegen zur Bewahrung der Schöpfung. Leider haben wir infolge des Sün­denfalls beinahe vergessen, was es heisst, besinnend und dankend an die Arbeit zu gehen und mit ver­nünftiger Besonnen­heit über die Natur zu herrschen. Von der ursprünglichen, gottgewollten Einstellung zur Arbeit bleibt nicht mehr viel übrig, und was uns heute als Herrschaft der Menschen vor Augen tritt, wirkt eher ab­schreckend als ermutigend. Gerade an dieser Stelle kommt uns aber die 4. Bitte des Vaterunsers zu Hilfe. Da lernen wir einen Lebensbereich kennen, in dem Geben und Empfangen, Dankbarkeit und Großzügigkeit bestimmend sind. Wer sein Brot dankend von Gott empfängt, der geht besinnend und bewahrend mit den Naturschätzen der Erde um.

 

Liebe Gemeinde! Das Vaterunser erinnert uns daran, dass das tägliche Brot nicht nur der Ertrag unserer Arbeit, sondern im Grunde ein Geschenk Gottes ist. Wie es in einem Psalmgebet heißt: „Unsere Arbeit bleibt Stückwerk. Sie bedarf deines Segens und deiner Kraft. Alles Gelingen ist Gnade.“ Für das Geschenk des täglichen Brotes bringen wir durch kleine Gaben unsere Dankbarkeit zum Ausdruck. Wir empfangen von Gott, und wir geben einen kleinen Teil davon als Dank zurück. Man könnte sagen: Unser tägliches Brot ist eine Gabe und eine Aufgabe zugleich. Wir empfangen jeden Tag unser tägliches Brot, und aus Dankbarkeit sollen wir einen Teil davon an unsere Mitmenschen weitergeben. Somit treten wir in den Lebensbereich des Gebens und des Empfangens, wo wir an jedem neuen Tag von Herzen beten können: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

 

                                                                                                                    Amen

 

 

"Dein Wille geschehe" Mt 6, 10b

5. Juni 2016

 

 

Liebe Gemeinde! Es gibt ein Sprichwort: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg“. Aber stimmt das wirklich? Gibt es immer einen Weg, wenn man einen starken Willen hat? Allerdings liefert uns die Geschichte glänzende Beispiele von Menschen, die dank ihres starken Willens beachtlichen Erfolg erzielt haben. Andererseits gelingt es den meisten Menschen nur selten, an einem guten Vorsatz zum Neuen Jahr festzuhalten. Was dabei aufs Konto menschliche Schwachheit zu schreiben ist, lässt sich nicht so leicht beurteilen. Aber wie dem auch sei, steht es fest, dass das Leben uns viele Möglichkeiten bietet, die wir entweder aus unserer be­grenzten Perspektive nicht wahrnehmen oder wegen unserer Unentschlossenheit nicht realisieren. Abgesehen jedoch von der Schwachheit unserer Natur stecken andere Probleme in dem Spruch: „Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.“

 

Man wird zuweilen mit Le­benssituationen konfrontiert, in denen nicht einmal der stärkste Wille sich durchsetzen kann. Es ist eine elementare Erfahrung der Kindheit, dass nicht alle Wünsche erfüllbar sind. Das Kind darf nicht jedes Spielzeug haben, das es sich wünscht. Das Kind darf die Zuneigung der Mutter nicht unbegrenzt in Anspruch nehmen. Das Kind darf einfach nicht alles verlangen und machen, was es will. Das weiß ja jedes Schulkind! Aber das Kind phantasiert, dass die Erwachsenen grenzenlos auf ihrem Willen bestehen dürfen, und es freut sich somit auf die Zeit, in der es dieses Privileg der Großen genießen darf. Doch täuscht sich das Kind! Neben dem Willen der Eltern und der Geschwister gibt es näm­lich unzäh­lige andere Menschen auf Erden, je­den mit seinem eigenen Willen.

 

Man sagt, es sei gut, dass wir Menschen das Wetter nicht bestimmen können; denn jeder würde etwas anderes wollen. Wenn man sich überlegt, wie viele Menschen in unserer Ge­sellschaft leben, Menschen aus ver­schiedenen Verhält­nissen, Menschen mit unter­schiedli­chen Mutter­sprachen, Fä­higkeiten und Interessen, – wenn man sich all das überlegt, dann muss man staunen, dass sich die Menschen überhaupt zu einer Gesell­schaft zusammenschließen können. Das ge­meinsame Leben wird na­türlich nur durch Kom­promisse er­möglicht. Jedes Mitglied der Gesell­schaft muss grundsätzlich den Willen anderer Menschen anerkennen und auch re­spektieren. Die vom Kind phanta­sierte Welt der grenzen­losen Ei­genwilligkeit ist gesellschaftlich un­möglich. Auch wenn man sich von der Gesell­schaft zu­rückzieht und als Einsiedler lebt, stößt man auf Grenzen! Es liegt irgendwie in der Sache selbst, dass der Einsied­ler seinen Willen nicht immer umsetzen kann. Die Erfahrung des Kindes ist nicht bloß eine Kindheitserfahrung; sie ist eine Grunderfahrung des Mensch­seins. Die Unerfüllbarkeit aller unserer Wünsche ist eine Realität unse­rer Existenz. Es ist eine elementare Tatsache unseres Le­bens, dass es in der Außenwelt einen anderen Willen gibt, dass alles sich nicht um den eigenen Willen drehen kann oder soll. Dieses „soll“ eröffnet aber eine Perspektive, die bisher nur undeutlich zum Ausdruck gekommen ist. Dass sich alles um den eige­nen Willen nicht letztlich drehen kann, das weiß doch jedes Kind, aber dass sich alles um den eigenen Willen auch nicht drehen soll, das erkennt man erst im Glau­ben an eine höhere Macht.

 

Diese Überlegung führt uns nun zum Gebet des Vaterunsers, in dem es heißt: „dein Wille geschehe.“ Wer diese Bitte von gan­zem Herzen betet, der hat im Laufe der Jahre die letzten Konse­quenzen der Kindheitserfahrung durchgedacht. Er weiß, dass man in der Außenwelt auf fremden Willen stößt, aber er weiß auch, dass es im ganzen Universum eine all­umfassende Ordnung der Gerechtig­keit und Liebe gibt, einen uner­forschlichen Willen, der jedem Men­schen ohne Ausnahme gegenüber­steht. Neben meinem Willen, gibt es den Willen Gottes! Man kann sich dagegen sträuben, man kann auf dem eigenen Willen bestehen, man wird aber nichts daran ändern. Neben meinem Willen, gibt es den Willen Gottes. Viele Men­schen merken es im Laufe ihres Lebens, andere erst im Sterben. Wir befinden uns in einem Universum um­geben von einem unergründlichen Willen der Gerechtigkeit und der Liebe. Und wir beten im Va­terunser: „dein Wille geschehe“, weil wir wissen, dass unser Wille nicht von Ge­rechtigkeit und Liebe durchdrungen ist. Wenn es nach un­serem Willen gehen würde, dann würden wir sicher in des Teufels Kü­che kommen. Wir können uns nicht einmal über das Wetter einigen! In welche Schwierigkeiten würden wir geraten, wenn alles nach unse­rem Willen ge­schehen würde? Darum sollen wir dankbar sein, dass alle unsere Wün­sche nicht er­füllbar sind. Wir sollen aber auch dankbar sein, dass wir in unserer Schwachheit beten dürfen. Denn selbst­verständlich ist das Beten nicht; es ist ein Geschenk, eine Gnade im Leben. Man soll ernsthaft daran denken, wie gut es ist, dass wir uns im Gebet an Gott wenden dürfen, dass wir, sei es in der Stille zu Hause oder öffentlich im Gottesdienst, von un­serem fragwür­digen Willen Abstand nehmen und in dieser Weise beten dürfen: „dein Wille geschehe.“

 

Und wie befreiend diese Bitte wirkt! Das heißt: Wenn wir uns bewusst werden, wie viele wider­sprüchli­che und ja sogar böse Wünsche in uns verborgen sind, dann wirkt diese Bitte in der Tat befreiend. In der Erkenntnis der Schwachheit unseres Daseins dürfen wir Gott unser Leben und das Leben unserer geliebten Mitmenschen anvertrauen. Wenn wir einmal den Weg im Leben verlieren, können wir durch diese Bitte Trost finden. Wenn die Last der Welt auf uns liegt, wenn wir un­ser Bestes getan haben und an die Grenze der Belastbarkeit angelangt sind, dann erleben wir erst recht die Kraft dieser Bitte: „dein Wille ge­schehe.“ Jenseits von all dem, was wir denken oder wollen, verstehen oder wünschen, empfinden oder tun, liegt ein allumfassender Wille der Ge­rechtigkeit und Liebe, auf den wir uns verlassen dürfen. In dieser Bitte des Vaterunsers handelt es sich also nicht primär darum, uns dem mächtigen Willen Gottes zu beugen, sondern darum, im Vertrauen auf seinen Willen von unserer Eigenwilligkeit be­freit zu werden. Dein Wille geschehe!

 

Bisher war die Rede vorwie­gend vom Trost der 3. Bitte des Vaterunsers. Es gibt aber einen wei­teren Aspekt, der erst in der zweiten Hälfte der Bitte zum Vorschein kommt. Es heißt nämlich nicht ein­fach: „dein Wille gesche­he“, sondern: „dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Auf den ersten Blick wirkt dieser Versteil wie ein Zu­satz zu der Bitte und somit eher be­fremdend. Soll er etwa bedeuten, dass der Wille Gottes irgendwo in einem himmli­schen Bereich herrscht, nicht aber unbedingt auf Erden? Was wäre doch ein allumfassender Wille der Gerechtigkeit und Liebe, der nicht bis zur Erde reicht? Und ferner: Beten wir das Vaterunser deswegen, weil es letztlich von unserer Bitte abhängt, ob der Wille Gottes auf Erden ge­schehe? Da wird man hoffnungslos in einen Strudel von Fragen und Unklarheiten hineingeris­sen. Beim näheren Zusehen liegt aber das Problem nicht so sehr an der Bitte selbst, sondern an unserer räumlichen Auffassung von Himmel und Erde. Sehr oft stellen wir uns den Himmel vor wie einen von der Erde räumlich entfernten Ort. Erde ist hier; Himmel ist dort. Es lässt sich nicht leugnen, dass die symbolische Sprache der Bibel von ei­nem Unten und einem Oben geprägt ist. Wohnen wir unten auf der Erde, dann muss der Himmel oben sein.

 

Hinter diesem räumlichen Schema der Bibel liegt aber eine tiefere Bedeutung von Himmel und Erde im Sinne von zwei Per­spektiven. Der Himmel bezeichnet die Per­spektive Gottes, die Erde hin­gegen die Perspektive des Menschen. Hier geht es offenbar nicht mehr um zwei voneinander getrennte Orte, sondern um zwei unterschiedliche Blickwin­kel. Und entscheidend ist, aus welchem Blickwinkel man die Sache betrachtet. Von Natur her kann der Mensch sein Leben aus irdischer, menschlicher Perspektive be­trachten. Aber auf die Dauer führt diese Be­trachtungs­weise fast unausweichlich zu einem tragischen Verständnis des Lebens. Es ist freilich keine Kunst, die Freuden des Lebens und die sonnigen Tage aus irdi­scher Sicht zu verstehen, aber sobald schwere Zeiten kommen, führt die irdische Perspektive sehr leicht zur Verzweiflung. Daraus ent­wickelt sich in der Regel ein Denken, das sich dem Schick­sal des Lebens fügt. Klassische Beispiele dafür finden wir in den griechischen Tragödien. Der Held kann machen, was er will; er läuft aber unentrinnbar seinem Schicksal ins Garn. Die Enttäuschungen und Rückschläge des Lebens sowie das seelische und körperliche Leiden kann man aus irdischer Sicht nicht anders verstehen als Schicksals­schläge.

 

Aber liebe Gemein­de! Das Leben in Christus ist kein Schick­salsdrama. Im Glauben wird uns eine neue Perspektive eröffnet, ja die Per­spektive des Himmels, und aus dieser Perspektive wird das blinde Schick­sal in die verborgene Weisheit Gottes umge­wandelt. Hier handelt es sich um eine ganz neue Betrach­tungsweise, die uns einen Einblick in den unerforschlichen Willen Gottes gewährt. Darum beten wir im Vaterunser: „dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ „Herr, lass uns das Leiden in unserem Leben se­hen, wie du es siehst. Gewähre uns einen Einblick in deinen Willen. Lass uns erkennen, dass wir Menschen nicht bloß einem bösen Schicksal ausgeliefert sind, sondern dass du für uns sorgst, dass du uns führst. Lass uns im Glauben erfahren, dass alle Dinge auf geheimnis­volle, unergründ­liche Weise zu unserem Besten dienen. Lass uns deinen Willen erfahren, wie im Himmel, so auf Erden.“

 

Die 3. Bitte des Vaterunsers erweist sich als unerläss­lich für das christliche Leben. Hier lernen wir im Vollzug des Gebets, zwischen einem Schick­salszwang und dem Willen Gottes zu unterscheiden. Der Zwang des Schicksals bricht jeden menschli­chen Willen; der Wille Gottes hingegen befreit uns und eröffnet uns eine neue Per­spektive. Dein Wille gesche­he! Da sind wir keines­wegs zur Schicksalsfügung aufgerufen. Im Gegenteil: wir beten hier um Gottes Hilfe, um Befreiung von je­dem Schicksal. Wir beten um eine neue Perspektive, damit wir den Willen Gottes in unserem Leben wahrnehmen. So verstanden, hat diese Bitte die Kraft, unser Leben zu verändern.

                                                                              Amen

 

„Wie wir beten sollen“ Mt 6, 9a

1. Mai 2016

                                                      

Liebe Gemeinde! Heute ist der 5. Sonntag nach Ostern und heißt in der Liturgie der Lutherischen Kirche Sonntag Rogate. Der lateinische Name Rogate bedeutet „betet“ und geht auf die Gebetspraxis der mittelalterlichen Kirche zurück. Zu jener Zeit verband sich das Gebet mit dem Bedürfnis des Menschen, sich in Kriegs- und anderen Notzeiten an Gott zu wenden. Man betete um den Sieg über den Feind, wie auch der Kranke um die Heilung seiner Krankheit betet. Doch in beiden Fällen stieß man auf Schwierigkeiten. Wie ist das Gebet zu verstehen, wenn man etwa um Heilung von einer Krankheit betet und die ersehnte Heilung ausbleibt? Auf jeden Fall ist eines klar: Das Gebet ist schließlich keine magi­sche Handlung, die wir beliebig vollziehen können, um das Lei­den eines Menschen zu lindern oder überhaupt unsere Wünsche zu erfüllen. So wollen wir uns an diesem Sonntag überlegen, was das Gebet für uns bedeutet und wie man beten soll.

 

Vor vielen Jahren habe ich aus Neu­gier die Versammlung einer buddhistischen Sekte besucht, und dort habe ich selbst erfahren, wie die Mitglieder um alles Mögliche beten – um Erfolg bei der Arbeit, um Hab und Gut usw. Diese Art von Gebet mutet seltsam an. Dennoch ist es höchst in­teressant, dass es unter den Buddhisten über­haupt gebetet wird. Die Tatsache, dass Gebet bei weitem keine Eigentümlichkeit des Christentums ist, viel­mehr in den verschiedensten Religionen praktiziert wird, dass es noch keine historische Religion gegeben hätte, in der es nicht gebetet würde, – diese Tatsache gibt uns zu bedenken, ob das Gebet nicht letztlich ein Urbedürfnis des Menschen sei. Und wenn dem so ist, dann beten wir nicht um Gottes willen, son­dern nur um unsertwillen. Denn als ein Urbedürfnis des Menschen ist das Beten für die Ge­staltung unseres inneren Lebens mitbestimmend. Was der Mensch im tiefsten Innern ist, hängt aufs engste davon ab, ob er betet und wie er betet.

 

Diese Gedanken führen uns nun zum heutigen Predigttext, wo es heißt: „Darum sollt ihr so beten.“ Jeder kennt diesen Satz als die Einleitung Jesu zum Vaterunser. Das Gebet unseres Herrn ist zweifellos das bekannteste liturgische Stück des Christentums und verbindet uns mit der ganzen Christenheit. Ob in Deutschland oder in Amerika, ob in Süd­afrika oder in Japan, wird das Vaterunser unter den Christen ge­betet. In einem Zeitalter, in dem die Tradition der Kirche, die Tradition unseres Landes, die Tradition der Familie so gering geschätzt wird, tut es gut, gele­gentlich daran zu denken, dass wir beim Beten des Vaterunsers an einer reichen Tradition Anteil haben. Die tiefere Bedeutung des Vaterunsers erschließt sich jedoch nur dem, der auf den genauen Wortlaut des Textes achtet.

         

Zuerst ziehen wir die Einleitung Jesu zu diesem Gebet in Erwägung: „Darum sollt ihr so beten.“ Das „Darum“ nimmt offenbar Bezug auf das Vorherge­hende, nämlich darauf, wie die Heiden beten. „Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie mei­nen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.“ Freilich wis­sen wir nicht genau, was Jesus hier im Sinne hatte, aber man kann mit Recht auf die Praxis des damaligen Heidentums hinweisen. Die Heiden hatten z.B. die Gewohnheit beim Beten, die Anrede an Gott durch unendlich viele göttliche Eigenschaften hinauszuzie­hen, wie etwa „Heiliger, allmächti­ger, großzügiger, barmher­ziger, allgegenwärtiger... Gott“. Bis dreihundert Eigenschaften vor dem Namen Gottes sind bei den Hei­den belegt. Man wollte Gott überzeugen, dass er das Gebet erhören soll. Jesus nennt solches Gebet „Plappergebet“ und beteuert uns, dass Gott weiß, was wir nötig haben, ehe wir beten. Das Gebet hat also nicht den Sinn, Gott zu überzeugen, zu beschwichtigen oder zu schmeicheln, damit er unsere Wünsche erfüllt. Vielmehr hat das Gebet den Sinn, uns im tiefsten Inne­ren zu öffnen für die Gnade und Liebe Gottes, die er uns schon jetzt schenken will.

 

Dass Gott die Gebete der Menschen erhört, scheint für Jesus völlig gewiss zu sein. Dass Gott nicht weit entfernt von uns im Himmel ist, uner­reichbar für menschliche Worte, sondern ganz in unserer Nähe, das war für Jesus gewiss. So nahe ist Gott, dass er unsere Gebete erhört hat, ehe wir zu ihm rufen, und diese Nähe Gottes war für Jesus der Grund, das Geplapper aufzu­geben. Dass Gott sich schon bewegt hat, schließt ein Beten aus, das meint, Gott erst noch bewegen zu müssen. Das Plappergebet verkennt diese neue Situation des Glaubens, nämlich dass Gott in seiner Liebe schon bei uns ist. „Darum sollt ihr so beten.“ Das „Darum“ deutet auf diese neue Situation hin. Jetzt hat das Beten der Heiden keinen Sinn mehr. Zwar bleibt das Beten ein Urbe­dürfnis des Menschen, aber fortan steht alles Gebet nicht auf der gleichen Ebene. Ein Gebet, das die Anwesenheit Gottes unter uns verkennt und verdunkelt, ist in Wahrheit kein Gebet mehr. „Darum sollt ihr so beten.“

 

Deutet das „Darum“ auf das Vorhergehende, dann ist die Bezugnahme des „so“ auf das Folgende. Darum sollt ihr so be­ten. Man glaubt zumeist, das „so“ der Einleitung dadurch ernst zu nehmen, dass man das Vaterunser wortwörtlich wiederholt. In diesem Fall hätte das Wort Jesu die Bedeutung: „Folgendermaßen soll man beten“, und durch die Jahrhunderte hindurch haben die Christen genau dieses Ge­bet in zahlreichen Sprachen gebetet. Aber der Urtext des Vaterunsers lässt eine andere Bedeutung zu, die besser zur Denkweise Jesu und der Frühgemeinde passt. Es soll uns hell­hörig machen, dass das Gebet unseres Herrn in einer ziemlich anderen Gestalt im Lukasevangelium steht. Dort heißt es: „Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag und vergib uns unsere Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden. Und führe uns nicht in Versu­chung.“ Die Tatsache, dass der Wortlaut des Va­terunsers bei Lukas und bei Matthäus nicht der gleiche ist, gewährt uns einen Einblick in das Denken der Frühkirche. Das Va­terunser war für die ersten Christen kein Gesetztext, den man buch­stäblich wiederholen musste. Denn Jesus selbst hatte dieses Gebet offenbar nicht als eine starre Formel  gemeint, sondern als eine Hilfe zum Beten, als einen Leitfaden. Das „so“ deutet also auf die Art und Weise des Betens hin: „Darum sollt ihr in dieser Weise be­ten.“ Das Vaterunser will uns nicht vorschreiben, was wir beten sollen. Es will uns zeigen, wie wir beten sollen. Es gilt gleichsam als eine Anweisung zum Beten. Wenn man mit Jesus glaubt, dass Gott nicht in der Ferne, sondern gerade bei uns in der Nähe ist, wenn man mit Jesus glaubt, dass Gott schon jetzt bereit und wil­lig ist, uns zu trösten, uns Mut zu machen und Kraft zu schen­ken, wenn man all diesem glaubt, auf welche Weise soll man beten? Das ist die Frage, auf die das Vaterunser eine Antwort liefert. Das Vaterunser ist ein Leitfaden zum Beten. Dem ent­lang darf man beten, ohne sklavisch an diesen oder jenen Wort­laut gebunden zu sein. Das ist ein großartiger Gedanke! Das Vaterunser will uns beten lehren.

 

Die Tragweite dieser Erkenntnis wird uns aber erst klar, wenn wir mit dem Gebet anfangen: „Vater unser im Himmel!“ Gerade beim ersten Wort „Vater“ eröffnet sich uns eine völlig neue Welt. Dass Gott ohne weitere Beifügung als „Vater“ angerufen wird, das ist ohne parallele im palästinischen Judentum der Zeit Jesu. Gelegentlich hat man Gott als Vater bezeichnet, aber man hat Gott als Vater nie direkt angerufen. Dass Jesus uns lehrt, Gott so direkt als Vater anzurufen, hat mit dem Glauben und mit dem neuen Verhältnis des Glaubenden zu Gott zu tun. Jesus verwendet das aramäische Wort für Vater „Abba“, das man zu Hause über den Tisch sagt, wenn man den Vater ansprechen will. Soviel wir wissen, hat kein Jude vor oder nach Jesus je mit dem Wort „Abba“ Gott angerufen. „Abba“ gehört zur Alltagssprache und hat gefühlsmäßig einen sehr familiären Ton – sehr ungezwungen und vertraut. Und auf diese Weise, meint Jesus, sollen wir Gott ansprechen. Das Verhältnis zwischen uns und Gott ist nicht eines von Herrscher und Knecht, sondern von Vater und Kind. Die Kindschaft be­deutet, dass wir schon vor dem Gebet zu Gott gehören, dass wir schon vor allem Tun von Gott angenommen sind. Die Kind­schaft ist das, was sie ist; man kann sie nicht ändern. Hier ist die Rede von einem Liebesverhältnis, nicht von einem Arbeitsverhältnis, das man auflösen könnte. Und wir, die wir beten, sind nicht Lohnempfänger; wir sind Empfänger des neuen Lebens. Ohne alles Verdienst unsererseits ist Gott in unsere Mitte getreten als der liebevolle Vater, der nichts anderes will als dies: uns zum wahrhaften Leben zu führen. So beginnt das Ge­bet der Christen: Du, der Du uns bedingungslos liebst. Das ist ein großer Anfang zu diesem Gebet und setzt auch den Grundton für das Ganze. Was danach folgt, darf diesem Anfang auf keinen Fall widersprechen.

 

Liebe Gemeinde! Alles Gebet ist nicht christliches Ge­bet. Und alle Gebete der Christen sind nicht unbedingt christli­ch. Deshalb brauchen wir eine kurze Einführung in das Beten, eine Orientierungshilfe, damit wir wahrhaftig christlich beten, d. h. damit wir so beten, wie es der Anwesenheit Gottes entspricht. Jesus sagt: „Darum sollt ihr so beten. Unser Vater im Himmel.“

                                                                                                                                                                                                                     Amen